| Bundesvereinigung
gegen Schienenlärm e.V.
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Fernsehproduktion Thema M: Alltagsterror Lärm
(Textprotokoll) Hauck (DB AG): ...
wenn heute an vielen bestehenden Bahnstrecken der Lärm wesentlich
höher ist als an bestehenden Straßen, dann liegt das daran,
dass diese Straßen durch Lärmschutzwände und Wälle
abgeschirmt sind. Das hat der Staat seit 15 Jahren bei der Straße
gemacht und finanziert. Es ist natürlich schlecht für die Schiene
und insbesondere für Frau Windelberg.
Windelberg:
Es ist noch eine gewisse Pikanterie bei der Sache insofern als man sagt,
dass dieser Schienenlärm angenehmer sein soll als der Straßenlärm
und man hat – und das ist ja auch Ihnen (Hauck) mit zu verdanken, den sog.
Schienenbonus erfunden, der da aussagt, wenn da Lärm gemessen wird
an der Straße und an der Schiene und auf dem Pegelmesser ist die
gleiche Dezibelzahl, dann bedeutet das noch längst nicht, dass der
Lärm an der Schiene genau so lästig ist. Man sagt der Zug kommt
regelmäßig, nach Fahrplan, es ist eine Pause dazwischen, das
Geräusch ist so schön gleichmäßig und man hat definiert
. . . dass der Schienenlärm weniger lästig ist und man zieht
mit einem Schienenbonus von dem gemessenen Wert 5 dB(A) ab. D. h. also,
wenn 120 Züge vorbeifahren, dann sagt man zu mir, ich höre nur
38. 72 Züge sind so angenehm, dass ich sie nicht höre.
Hauck:
Das sagt man natürlich wirklich nicht. Der Schienenbonus ist nicht
dadurch entstanden, dass man eine unterschiedliche Lästigkeit gesucht
hat, sondern der Staat wollte Grenzwerte festlegen für Immissionen,
die beim Anlieger ankommen. Und nun ist es ja nicht so, dass man die Anlieger
gegen irgendwelche Zahlenwerte schützen muss, sondern gegen Lästigkeiten
und dann hat man gesagt: wir müssen alle gleich behandeln – in Anführungszeichen,
wenn ich Ihren Fall betrachte – und müssen gleiche Lästigkeiten
zugrunde legen. Und dann hat man Bevölkerungsbefragungen in Gebieten
an der Straße und an Schienenwegen durchgeführt und hat die
Lästigkeiten erfragt und die Schallpegel ermittelt, die dort herrschen
und hat festgestellt, z. B. in den Nachtzeiten in Bezug auf Schlafstörungen
waren gleiche Lästigkeiten, wenn Schienenlärm um 10 dB(A) höher
lag als Straßenlärm. Das war also ein Bonus um 10 dB(A). Am
Tag bei Kommunikationsstörungen . . . hat man einen wesentlich kleineren
Lästigkeitsunterschied festgestellt. Und die Politiker haben daraus
einen Mittelwert von 5 dB(A) gemacht. Ich will aber nicht behaupten, dass
das heißt, dass man bei Ihnen toll schlafen könnte, sondern
d. h., wenn an anderer Stelle eine Straßensituation mit ähnlichen
Lärmpegeln wäre - und die findet man heute nicht mehr wegen der
Lärmsanierung an Straßen -, dann würde man dort an dieser
Straße allerdings noch schlechter schlafen.
Moderator:
D.h. vielleicht, das sage ich jetzt mal ganz ketzerisch, dass da irgendwelche
Beamten am Werk waren und den Lärm in irgend einer Weise verwalten
wollten und diese Zahlenspielereien erfunden haben. Was sagen Sie, Herr
Fleischer, zu dieser Diskussion?
Prof. Dr. G. Fleischer:
Das Beispiel zeigt – oder das, was wir heute gehört haben –sehr schön,
dass der Mensch ganz anders reagiert als diese Messverfahren. Wir hätten
bei dem heutigen Beispiel die Diskothek natürlich bei weitem als das
lästigste, weil das natürlich viel höhere Messwerte hat
und dann kommt die Bahn und es käme irgend etwas anderes. Die Empfindung
des Menschen kann diese Mittelwerte einfach nicht nachvollziehen. Ein krasses
Beispiel: Es wird die durchschnittliche Schallenergie genommen: Die Vorbeifahrt
eines Krankenwagens mit Sirene entspricht der Vorbeifahrt von 50 000 Pkw.
Was hätten Sie lieber vor Ihrer Haustür, einen Krankenwagen mit
Sirene oder 50 000 Pkw?
Ein anders Beispiel: 1 sec. Presslufthammer entspricht
einer Stunde Rasenmäher . . Das Messverfahren sagt: Das ist alles
das Selbe . .
Moderator:
Da stimmt doch etwas am Verfahren nicht.
Hauck:
Das Messverfahren taugt natürlich wirklich wenig. Deswegen brauchen
wir z.B. Korrekturwerte wie den Schienenbonus.
Fleischer:
Das menschliche Hörsystem ist nicht in der Lage, eine durchschnittliche
Lautstärke. . . wahrzunehmen. War es am vergangenen Dienstag im Durchschnitt
lauter? Kein Mensch kann diese Frage beantworten, keiner stellt sie auch.
Aber das ist die Philosophie dieses Messverfahrens, das jetzt angewandt
wird und wo dann noch der Schienenbonus gesetzt wird. D. h. dieses Messverfahren
entspricht nicht der Empfindung des Menschen.
Hauck: .
. .trotzdem gebe ich Ihnen natürlich recht, das Messverfahren ist
schlecht, aber darüber diskutieren wir ja schon seit 20 Jahren – auch
wir beide – und es gibt immer noch keinen besseren Vorschlag.
Moderator:
Frau Windelberg ist Bürgerin, die seit Jahren das Lärmproblem
hat und hört sich so eine Diskussion an. Was geht da in Ihnen ab?
Windelberg:
Es besteht ja ein wesentlicher Unterschied zwischen einem Sachverständigen
– so möchte ich die Herren hier einmal bezeichnen - und einem Betroffenen
bezüglich der Beschäftigung mit dem Lärm. Die Herren beschäftigen
sich am Tag mit dem Lärm und ich mache es nachts. Es ist doch ein
großer Unterschied, wenn ich nachts müde in meinem Bett liege.
Dann fragt man sich, ob es Sinn macht, sich zu fragen, ob das eine lästiger
ist als das andere. Da geht es doch nur noch um die gesundheitsschädigende
Wirkung. Es ist nicht mehr die wesentliche Frage: Das ist lästig,
sondern es ist gesundheitsschädigend. Es ist ein Lärm, der mir
aufgezwungen wird, ich setze mich dem nicht freiwillig aus – so wie ich
es in der Disco tue. Da sagen die Discobesucher ja auch, es ist nicht lästig,
. . . Die entscheidende Frage ist: Es ist gesundheitsschädigend.
Da kann man nicht noch mit dem Schienenbonus kommen und sagen: Davon ziehen
wir auch noch was ab.
Hauck:
Da haben Sie völlig recht, weil wir in der Situation den Schienenbonus
auch gar nicht brauchen.
Moderator:
Reden wir nicht mehr über den Schienenbonus. Warum können Sie
die Güterzüge nicht leiser machen?
Hauck:
Die Güterzüge sind ein riesengroßes Problem. . . Wichtig
wäre, dass wir glatte Radflächen haben, bei Reisezügen haben
wir das erreicht . .Die Güterzüge haben Klotzbremsen . . und
weil die auf die Radlaufflächen eingreifen, können die Radlaufflächen
aufrauen.. .und das bedeutet, dass diese raue Fläche, wenn sie mit
einer bestimmten Geschwindigkeit über die Schiene läuft, mehr
Lärm erzeugt ..
Das gibt ein relativ grelles Geräusch. Und
darum ist Ihre Situation auch so besonders schlecht, weil Sie nicht durch
den Reiseverkehr , sondern durch den Güterverkehr belästigt werden.
Da kann man gar nichts wegdiskutieren. Ihre Situation ist einfach schlimm
und Sie sind nicht die Einzigen.
Moderator:
Wie soll man mit Lärm umgehen, damit man zu einem vernünftigen
Ergebnis kommt? Mir scheint, hier kommt man zu keinem vernünftigen
Ergebnis.
Fleischer:
Das sollten wir grundsätzlich einmal festhalten: Verkehrslärm
ist kein akustisches Problem sondern ein gesellschaftliches.. . .Beim Verkehrslärm
handelt es sich um akustischen Abfall und Leute, die – wie die Windelbergs
– an einer Strecke wohnen und nun schon seit 6/7 Jahren keine normal durchschlafene
Nacht mehr erleben können, das ist eine Barbarei, das ich sagen musste,
dass die Gesellschaft die höchste Priorität setzen müsste.
Das muss geändert werden und in Zukunft sollten wir durch planerische
Maßnahmen dafür sorgen, dass solche Situationen erst gar nicht
mehr entstehen.
. . .wenn man sagt, alle 3 Minuten fährt ein
Güterzug pro Nacht, das ist dann kein akustisches Problem mehr, da
darf man sich nicht hinter irgendwelchen Formeln verstecken, selbst wenn
die Formeln was taugen würden.
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Bundesvereinigung gegen Schienenlärm e. V. Januar 2001