Bundesvereinigung gegen Schienenlärm e.V.

 

 

Reagieren Betroffene "normal"?

20. Februar 2003

Stellen Sie sich vor, bei Ihnen fahren Tag und Nacht Züge in kurzen Abständen in unmittelbarer Nähe vorbei. Können Sie sich vorstellen, Sie würden sich für unterschiedliche Zuggeräusche interessieren und sich fragen, ob ein soeben vorbeigefahrener Zug vielleicht mehr oder weniger "anziehend oder abstoßend", "fügsam oder mächtig", "abwechslungsreich oder monoton" geklungen hat? Könnten Sie "spontan und ohne lange nachzudenken" unterscheiden, ob ein Zuggeräusch z. B. mehr oder weniger "zart", "nachgiebig", "weich oder hart" klingt?

Vermutlich interessiert es Betroffene nicht, sich zu Hause mit derartigen Zuordnungen zu beschäftigen. Zuordnungen dieser Art werden nicht selten von Testpersonen in Laboruntersuchungen vorgenommen. So wurden Aussagen über die Lästigkeit von unterschiedlichen Zuggattungen z.B. mit Hilfe des Osgood - Fragebogens ermittelt, dem die oben aufgezählten Adjektive entnommen sind.

Bei Untersuchungen zur Lästigkeit von Verkehrslärm werden Betroffene, die sich stark belästigt fühlen und sich bereits entsprechend geäußert haben, in der Regel möglichst nicht befragt, da sie anders reagieren, als nicht oder wenig vorbelastete Personen. Betroffene, die sich stark belästigt fühlen, gelten als zu stark sensibilisiert. Durch ihre persönlich gefärbte Interessenlage soll die Sachlichkeit leiden, ihre Aussagen gelten daher als unqualifiziert und nicht verwertbar. Es wird daher für Untersuchungen zur Lästigkeit von Verkehrslärm der "normalgesunde" Betroffene oder "Durchschnittsbetroffene" bevorzugt, dem man möglichst keine Fragen stellt, die ihn erst durch die Art der Fragestellung aufmerksam machen für eine bestimmte Problematik, um die es bei der Untersuchung gehen soll. Es wird also z. B. eher ganz allgemein nach der Belästigung durch Lärm gefragt, denn dann fällt die Belästigung wesentlich geringer aus als wenn direkt nach der Belästigung durch Schienenlärm gefragt wird. Durch dieses Vorgehen wird der Befragte nach gängiger Meinung möglichst wenig "manipuliert".

Bis 1994 wurden Befragungen zur Lästigkeit von Verkehrslärm in der Regel im Sommer durchgeführt. Da für die Erfassung der Lärmbelästigung der Befragungszeitraum aber eine nicht unwesentliche Rolle spielt, wird es inzwischen eher vorgezogen, derartige Befragungen möglichst im Winter durchzuführen. Im Winter ergeben sich wegen der weniger intensiven Nutzung der Außenräume und der weniger häufig geöffneten Fenster niedrigere Belästigungswerte. Auch die dämmende Wirkung von Schnee kann im Winter die Belästigungswerte zusätzlich senken.

Was unter Belästigung zu verstehen ist, ist nicht einheitlich definiert. "Belästigung" sei u. a. eine "milde Form von Ärger", die das Verhalten der Belästigten beeinflussen kann.

Betroffene, die sich durch Verkehrslärm stark belästigt fühlen, werden, wenn sie sich über ihre Belästigung äußern, scheinbar als Personen angesehen, die als nicht "normal" und nicht "gesund" einzustufen sind. Auf Fragen zur Belästigung durch Lärm geben diese Personen in der Regel unverwertbare Antworten, da sie sich als höher belastet einstufen. Ihr Gemütszustand scheint des öfteren leicht "ärgerlich", was sich eventuell bis zur "Abstrafung" z. B. von Politikern bei Wahlen steigern kann. Ihre Angewohnheit, durch laute Verkehrsgeräusche gelegentlich aufzuwachen, nehmen sie viel zu wichtig. Zu wenig wichtig nehmen sie die Ruhezeiten zwischen einzelnen Zügen, wodurch sich ihre Belästigung wirksam reduzieren ließe, was ein Vergleich der Mittelungspegel mit den Maximalpegeln deutlich zeigt. Ihre Angewohnheit, im Sommer die Außenräume stärker zu nutzen und die Fenster häufiger zu öffnen, hat zu einer Verfälschung der Untersuchungsergebnisse geführt, weshalb Untersuchungen zur Belästigung von Verkehrslärm bevorzugt im Winter durchgeführt werden. Eventuelle psychische Nacheffekte von Lärm könnten ein Hinweis sein, dass ihre Lebenszufriedenheit eher niedrig ausfällt. Der nächtliche Verkehrslärm könnte den "Sündenbock" spielen, auf den diese Personen ihre allgemeine Unzufriedenheit übertragen.

Die so geschilderten Betroffenen charakterisieren ihr eigenes Verhalten bezüglich der Auseinandersetzung mit dem Lärm verständlicherweise anders. Wer würde sich auch freiwillig z. B. als nicht "normal" einstufen wollen? Natürlich halten Betroffene ihre Reaktion für "normal", wenn sie sich z. B. im Sommer durch Verkehrslärm mehr belästigt fühlen als im Winter. Aus ihrer Sicht sieht es wie eine "Manipulation" aus, wenn Untersuchungen gerade dieser Reaktion wegen bevorzugt im Winter durchgeführt werden. Aus ihrer Sicht sieht es wie eine "Manipulation" aus, wenn dann die Befragungen im Labor stattfinden mit möglichst unbelasteten Testpersonen, d. h. mit Personen, die sich mit der Problematik möglichst wenig befasst haben.

Betroffene und Sachverständige haben unterschiedliche Sichtweisen und somit unterschiedliche Fragestellungen. Bei Befragungen zur Lärmbelästigung ist die Fragestellung des Auftraggebers ausschlaggebend: Je nach Fragestellung fallen die Untersuchungsergebnisse unterschiedlich aus, selbst wenn der befragte Personenkreis und das abzufragende Thema gleich ist.

Reagieren bei Befragungen zur Lärmbelästigung nicht oder wenig belästigte Testpersonen "normaler" als Betroffene, die sich stark belästigt fühlen?

Sibylla Windelberg